Männerhass könne die Gesellschaft verändern, meint eine junge Französin. Frauen sollen nicht ewig Nachsicht mit patriarchalen Strukturen haben müssen.

Pauline Harmange fordert Frauen auf, Männerhass zuzulassen. Dies sei befreiend und ermögliche ein selbstbestimmteres Leben, in dem Frauen aus den Beziehungen untereinander Kraft schöpfen: «Es ist alles gesagt und trotzdem ändert sich kaum etwas, weil Frauen für alles Verständnis haben sollen und Geduld», sagte die 25-jährige Kommunikationswissenschaftlerin und Bloggerin der «Tageszeitung». Mit der ewigen Nachsicht gegenüber patriarchalen Strukturen müsse endlich Schluss sein.

«Männerhass ist Reaktion auf Frauenhass»

Harmange ist Mitglied einer feministischen Organisation, die Opfer sexueller Übergriffe und von Vergewaltigungen unterstützt. Sie hat im Sommer in einem Mikroverlag den Essay «Moi les hommes, je les déteste» («Ich hasse Männer») veröffentlicht. Darin schreibt Harmange laut dem Nachrichtenmagazin «L’Obs», sie hasse Männer und alles, wofür Männer stehen. Männerhass werde oft als Schlagwort benutzt, um Feministinnen vorzuwerfen, alle Männer in den gleichen Topf zu werfen. Doch Männerhass sei nicht falsch angesichts des Leides, das Männer den Frauen zufügen. Männerhass sei eine Reaktion auf Frauenhass. Und dieser sei der Ursprung systematischer Gewalt gegen Frauen. Männerhass habe im Unterschied zum Frauenhass noch nie jemanden getötet. Trotzdem scheine er für Männer unerträglich zu sein.

Kritik an Zensurversuch

Eine breitere Öffentlichkeit wurde erst auf den Essay aufmerksam, nachdem die Online-Zeitung «Mediapart» aufgedeckt hatte, dass ein Beamter des französischen Gleichstellungsministeriums den Verlag unter Strafandrohung zum Rückzug des Buches zwingen wollte. Der Beamte begründete sein Vorgehen damit, dass Titel und Verlagstext des Buches gegen das gesetzliche Verbot der Anstiftung zum Hass aufgrund des Geschlechts verstossen. Den Zensurversuch schob das Ministerium später auf den Beamten ab. Das Nachrichtenmagazin «L’Obs» sprach von «Cancel Culture» in Reinkultur. Frauenhass sei in der französischen Literatur häufiger als Männerhass. Doch noch nie habe der Staat einem Verlag mit Zensur wegen Frauenhass gedroht.

Nicht Aufgabe des Staates

Verfassungsrechtlerin Berit Völzmann von der Goethe Universität Frankfurt schrieb auf verfassungsblog.de, es sei Aufgabe der Gesellschaft und nicht des Staates, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen. Ein Buch über Männerhass zu verbieten, sei «absurd», weil Männer meist uneingeschränkt am demokratischen Diskurs teilhaben können. Der Staat müsse nur Grenzen ziehen, wenn Angehörige einer strukturell benachteiligten Gruppe diskriminiert werden und ihre Teilhabe am demokratischen Diskurs bedroht ist. Doch der französische Beamte habe es ausgerechnet der Angehörigen einer strukturell benachteiligten Gruppe untersagen wollen, mit drastischen Worten über ihren Frust zu schreiben und wie sie diesen überwinden will.

Der Essay von Harmange ist zurzeit vergriffen. Mitte November erscheint er bei Rowohlt auf deutsch.

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