Kultmarke Birkenstock soll vor dem Verkauf an einen Finanzinvestor stehen

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Ansicht Firma Birkenstock

In den 1980er Jahren waren Birkenstocksandalen die Lieblingsschuhe von Ökos und Ärzten. Inzwischen haben alle Schichten die Marke liebgewonnen, die eine 250-jährige Geschichte aufweist und von der es nun auch Strümpfe, Gürtel, Taschen, Betten und Naturkosmetik gibt. Jetzt soll die Familie die Firma an ein Private-Equity-Haus verkaufen wollen.


«Wir führen die Marke wie ein Startup mit 245 Jahren Tradition», sagte Oliver Reichert, Co-Konzernchef der Birkenstock Group, vor anderthalb Jahren in einem Interview. Jetzt geht das Unternehmen mit der fast 250-jährigen Geschichte offenbar den Weg, den so manches Startup nimmt – es soll verkauft werden. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg befindet sich die Eigentümerfamilie der deutschen Kultmarke in Verkaufsgesprächen mit dem amerikanischen Private-Equity-Haus CVC Capital Partners. Als Preis werden rund 4 Mrd. € inklusive Schulden genannt. Über Details der möglichen Transaktion und die Gründe für den Verkauf weiss man noch nichts. Mit den Gerüchten über die Transaktion deutet sich nun jedoch der endgültige Abschied der Familie Birkenstock aus der Firma an.

Seit 2013 erstmals familienfremde Manager

Die Entfernung der Familie von der Firma läuft schon seit rund zwei Jahrzehnten. Einst waren noch die drei Brüder Alex, Christian und Stephan Birkenstock im Unternehmen. Allerdings entstanden über die Jahre erhebliche Verständigungsprobleme untereinander, wie Reichert im April 2018 im Gespräch mit der «NZZ am Sonntag» erzählte. Am Ende seien die Brüder auf keinen gemeinsamen Nenner mehr gekommen. Deswegen wurde Stephan im Jahr 2013 ausbezahlt. Zugleich zogen sich Alex und Christian aus dem operativen Geschäft zurück, und der Verbund von zuvor 38 losen Einzelfirmen wurde zu einer Gruppe mit den drei Geschäftsbereichen Produktion, Vertrieb und Services zusammengeführt. Die beiden verbliebenen Brüder ernannten je einen Statthalter als Geschäftsführer.

Entsprechend wird Birkenstock seit 2013 gemeinsam von Oliver Reichert (Statthalter von Christian) und Markus Bensberg (Statthalter von Alex) geführt, womit erstmals zwei familienfremde Manager die Firma steuern. Reichert gilt als treibende Kraft in dem Duo, obwohl Bensberg mit über 25 Jahren im Unternehmen ein Birkenstock-Urgestein ist. Dennoch leiten die beiden Manager das Unternehmen formell gleichberechtigt. Entscheiden können sie nur gemeinsam und mit Zustimmung beider Familiengesellschafter. Sie setzen weiter auf eine hochpreisige Marke, die für Qualität, Langlebigkeit und hochwertiges Design steht. Dabei arbeitete das Unternehmen in den vergangenen Jahren unter anderem mit dem kalifornischen Modedesigner Rick Owens zusammen. Das anatomisch geformte Fussbett bleibt das Herzstück der Marke und war Basis für die Wahrnehmung als Gesundheitsschuh, wenngleich das Unternehmen längst auch im Segment der geschlossenen Schuhe tätig ist und dort beständig wächst.

Kultmarke geht auf hessischen Schuster zurück

Die Wurzeln von Birkenstock reichen bis in das Jahr 1774 zurück. Damals gründete der hessische Schuster Johann Adam Birkenstock die Firma. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges hatte das Unternehmen seinen Hauptstandort in Frankfurt oder in der näheren Umgebung der Metropole am Main. Nach dem Krieg fand dann ein Wechsel nach Bad Honnef bei Bonn statt. Der heutige Hauptsitz ist nur wenige Kilometer südlich davon im rheinland-pfälzischen Linz am Rhein, wobei die Firmenzentrale alter Prägung im Prinzip aufgelöst wurde. Im vergangenen Geschäftsjahr machte das Unternehmen laut dem deutschen «Handelsblatt» mit etwa 4300 Mitarbeitern rund 1 Mrd. € Umsatz. Die Gewinnmarge vor Steuern und Zinsen soll bei mehr als 20% liegen. Wie so oft bei Familienunternehmen sind Geschäftszahlen auf der Website nur sehr spärlich vorhanden.

Im Angebot hat der Konzern längst viel mehr als die klassischen Sandalen, die spätestens in den 1980er Jahren nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA enorm populär wurden. Sie galten einst als Lieblingsmarke von Umweltschützern und waren sehr beliebt bei Ärzten und Pflegekräften. Heutzutage sind sie längst in fast allen Schichten der Bevölkerung angekommen. Inzwischen verkauft der Konzern auch Strümpfe, Gürtel, Taschen, Schlafsysteme und Betten sowie Naturkosmetik. Reichert, der zuvor rund zehn Jahre lang den Sportsender DSF (inzwischen Sport 1) führte, kann sich als künftige Geschäftsfelder auch Sitz- und Arbeitsmöbel vorstellen, wie Interviews zu entnehmen ist, da Birkenstock dann alle Aggregatszustände des Menschen abdecken würde – Gehen, Stehen, Liegen und Sitzen.

Konflikt mit Amazon wegen Produktpiraterie

Von sich reden machte Birkenstock unter anderem durch seinen Kampf gegen Produktpiraterie. Deswegen verkauft der deutsche Mittelständler seit 2018 auch nicht mehr über Amazon. Der US-Konzern gehe nicht entschieden genug gegen Produktfälschungen auf der eigenen Plattform vor, warf Reichert Amazon vor. In die Medien geriet das Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren zudem durch den angeblichen Widerstand gegen die Einführung eines Betriebsrates und durch eine ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen in der Produktion.

Aufgrund der Corona-Krise musste Birkenstock seine Produktionsstätten im vergangenen Frühjahr für acht Wochen schliessen. Zwar produziert das Unternehmen ausschliesslich in Deutschland, doch viele Rohstoffe werden zugeliefert, etwa Kork aus Portugal, Leder aus Italien oder Naturlatex aus Asien über den Hafen in Rotterdam. Trotz der Pandemie ist Birkenstock sehr gut durch das Jahr gekommen. Die digitalen Bestellungen hätten sich vervierfacht, sagte Reichert im Oktober im Gespräch mit dem «Handelsblatt». In dem im September abgelaufenen Geschäftsjahr erzielte die Gruppe den gleichen Umsatz wie im Vorjahr, obwohl die Produktion zwei Monate stillstand und auch der Verkauf im stationären Handel unterbrochen war. Birkenstock habe sich quasi zum offiziellen Home-Office-Schuh entwickelt, sagte Reichert stolz.

Wenn die Verkaufsgerüchte stimmen, bekommt das Unternehmen nun womöglich bald amerikanische Besitzer, die Birkenstock wohl viel mehr auf Effizienz trimmen dürften – und ein weiteres bekanntes deutsches Familienunternehmen käme unter neue Fittiche.

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